Notfallseelsorge im Bistum Aachen und den vier entsprechenden Kirchenkreisen der EKiR
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Bilderfries

 

Botschafter an der Grenze des Todes

Zur theologischen Orientierung der katholischen Notfallseelsorge (1)

Anliegen dieses Textes ist es, das Proprium der Notfallseelsorge als kirchliches Angebot innerhalb der anderen pastoralen Tätigkeitsfelder für die verschiedenen Diskursebenen innerhalb und außerhalb der Kirche zu formulieren.

Das dient zum einen der theologischen Begründung und Darstellung dieses pastoralen Feldes ebenso wie der Orientierung der Mitarbeitenden in diesem kirchlichen Angebot. Zum anderen soll es außerhalb des kirchlichen Rahmens das Selbstverständnis der Notfallseelsorge für Kooperationspartner im Bereich der psychosozialen Unterstützungssysteme erkennbar und verlässlich machen.

Notfallseelsorge ist ein seelsorgliches Angebot für Menschen, die in Momenten schwersten Leids und existentieller Krisen mit dem nahmen und plötzlichen Tod konfrontiert sind.

Kirche möchte in der Notfallseelsorge den Menschen in diesen extremen Lebenssituationen beistehen: Ihre Notfallseelsorger sind bei den Menschen in ihrer Not und ihrem Unglück, im Moment der Todesahnung und wenn der Tod noch nahe ist. Sie halten mit den Menschen das Schweigen aus, wenn angesichts von Leid, Schuld und Ohnmacht jedes Wort versagt. Un sie versuchen, Trost und Hoffnung über den Moment des Leids und des Schmerzes hinaus zu geben und so Perspektiven für den Weg zurück in den Alltag zu eröffnen.

In ihrem Bemühen, in der extremen Situation des nahen und plötzlichen Todes "Botschafter des Lebens an der Grenze des Todes zu sein", sind die Notfallseelsorger (2) getragen und motiviert vom österlichen Mysterium:

  • von Jesu Leiden, in dem er bis zum Äußersten geht und sein Leben in die Hände Gottes legt,
  • von seinem Tod am Kreuz, der die Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Gottverlassenheit jedes Todes radikal spürbar macht,
  • von Christi Auferstehung, in der er durch Gottes Macht von den Toten erweckt und in Gottes Herrlichkeit erhöht wird
  • und von der Zusage seiner bleibenden Nähe

Ohnmacht, Schmerz und Leere des Todes haben nicht das letzte Wort, sondern Gott will das Leben. Notfallseelsorge will dies in der konkreten Situation präsent machen. Jesus Christus hat durch seinen Tod am Kreuz jeden Tod überwunden und in der Auferstehung das Leben für alle wieder hergestellt. Gegen Katastrophen, Leid und Tragödien im Leben der Menschen geben Notfallseelsorger der Hoffnung Raum, dass die Liebe Gottes den Tod ein für allemal besiegt hat und dass das Leben der Menschen nicht in der Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit endet.

Notfallseelsorge als Einzelseelsorge

1. Notfallseelsorge geschieht primär mit Einzelnen

Sie ist ebenso integraler Bestandteil von Trauerpastoral. In ihr verdichten sich die Dimensionen kirchlichen Handelns örtlich und zeitlich, weil sie zugleich immer Diakonia, Martyria und Koinonia ist und dies in vielen Fällen auch im Ritual als Liturgia darstellt.

Dort, wo Notfallseelsorge nicht kategorial organisiert ist, ist die Gemeindeseelsorge Trägerin der Notfallseelsorge.

2. Notfallseelsorge ist ein zeitlich abgegrenzter Dienst in einer Krisensituation angesichts des plötzlichen Todes oder seiner realen Möglichkeit

Ihre diakonale Dimension zeigt sich zunächst in der Präsenz und je nach Wunsch der Betroffenen auch in der Integration in die Strukturen der Gemeindeseelsorge und anderer nachsorgender Beratungs- und Hilfsangebote kirchlicher und nichtkirchlicher Träger.

3. In der Notfallseelsorge ist Kirche in Gesellschaft präsent.

Als Angebot an alle Menschen muss das Handeln bei und für Menschen, die vom plötzlichen Tod betroffen sind, humanwissenschaftlich verantwortbar sein. Deshalb werden die Schnittstellen zu den Strukturen von Notfalldiensten in der Gesellschaft (z.B. zu Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei) gepflegt.

Bestandteil des Selbstverständnisses von Notfallseelsorge ist ihre Verlässlichkeit. Weil die Kirche Menschen angesichts des plötzlichen Todes Nähe und Trost anbietet, ist sie rund um die Uhr zuverlässig erreichbar. Die Anforderung dieses kirchlichen Dienstes erfolgt über die örtlichen Notfallsysteme (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst o.ä.).

Alle in der Pastoral hauptamtlich Tätigen haben die Kompetenz und die grundsätzliche Verpflichtung zur Betreuung von Menschen angesichts des plötzlichen Todes.

Für die regelmäßige Bereitschaft und in besonderen Situationen wie z.B. bei Katastrophen und Großschadenslagen unterstützen speziell ausgebildetes und beauftragte Notfallseelsorger dieses Netz kompetenter Hilfe.

4. Notfallseelsorge geschieht im Auftrag des Bischofs.

Dieses seelsorgliche Angebot wendet sich an alle Menschen.

Notfallseelsorge als Organisationsform dieses Angebots wird in der Regel gemeinsam mit den Kirchen der ACK verantwortet und durchgeführt. Diese Praxis konfessioneller Zusammenarbeit hat sich bewährt.

Im Kontext der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) vernetzt sich Notfallseelsorge mit den Strukturen der Gefahrenabwehr.

Notfallseelsorge bei größeren Schadenslagen

5. Kirche lässt sich über die Notfallseelsorge in Katastrophen und anderen Schadenslagen in die bestehenden Konzepte der allgemeinen Gefahrensabwehr einbinden. Dies gilt auch für Ausbildungen und Übungen.
6. Andere System der Psychosozialen Notfallversorgung werden von der Notfallseelsorge fachlich geachtet.

Die Kirche legt jedoch Wert auf die Möglichkeit, ihren Auftrag in dieser Form des Dienstes den Menschen anzubieten.

Notfallseelsorge und Seelsorge für Einsatzkräfte

7. Die Notfallseelsorge betreut Überlebende, Augenzeugen und Hinterbliebene.

Für die Betreuung und Nachsorge der Einsatzkräfte ist die entsprechende (kategoriale) Fachseelsorge zuständig (z.B. Seelsorge in Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Polizeiseelsorge).

07.01.2009

Matthias Gottschlich, P. Ulrich Keller OPraem, Andreas Müller-Cyran, Ludger Pietruschka, Ulrich Slatosch

(1) Der folgende Text stützt sich auf die Ergebnisse zweier Studientagungen der Diözesanbeauftragten für Notfallseelsorge in den dt. Bistümern in den Jahren 2006 und 2007.

(2) Der Text verwendet der besseren Lesbarkeit wegen durchgehend nur die männliche Form der Bezeichnungen. Die weibliche Bezeichnung ist ausdrücklich mit eingeschlossen.

 


Von Monika Herkens

Veröffentlicht am 31.05.2012

Dateien zum Download

Botschafter an der Grenze des Todes (pdf, 84416)

Botschafter an der Grenze des Todes - Zur theologischen Orientierung der katholischen Notfallseelsorge

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