Notfallseelsorge im Bistum Aachen und den vier entsprechenden Kirchenkreisen der EKiR
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Bilderfries

 

Ersthelfer auch für die Seele

KirchenZeitung im Bistum Aachen

Notfallseelsorge leistet einen wertvollen Dienst für die betroffenen Menschen, Opfer wie Helfer

Von Klaus Schlupp

Als der evangelische Notfallseelsorger Frank Ertel zu einer Familie gerufen wurde, wo jemand verstorben war, merkte er, dass es da recht katholisch zuging und fühlte sich zunächst etwas fehl am Platze.

Es gab Heiligenbilder in der Wohnung und die Verwandten legten Wert darauf, mit dem Weihbischof gut bekannt zu sein. „Wir sind praktizierende Katholiken“, sagte ein Angehöriger. „Und ich bin praktizierender
Protestant“, sagte Ertel. Und mit dem „praktizierend“ war das Eis gebrochen. Der Pfarrer segnete den Toten aus und konnte sich auch um die Angehörigen bemühen, denen es wichtig war, dass ein wirklich
gläubiger Christ da war.

In kaum einem anderen Bereich, vielleicht noch in der Telefonseelsorge oder der Bahnhofsmission, ist die ökumenische Zusammenarbeit so intensiv wie bei den „Ersthelfern für die Seele“. In den allermeisten
deutschen Bistümern ist die Notfallseelsorge ökumenisch organisiert. Denn die Menschen, die einen Todesfall oder ein anderes schreckliches Ereignis, einen schweren Unfall, ein Verbrechen erlebt haben,
brauchen jemanden, der das Erlebte gemeinsam mit ihnen aushält, und da ist die Konfession zweitrangig. Natürlich wird der diensthabende Notfallseelsorger immer auf Wunsch den „passenden“ Pfarrer, Rabbiner oder Imam verständigen, aber das wird in den seltensten Fällen verlangt.

Die Regel sind ganz gewöhnliche Notfälle

Notfallseelsorger sind „Ersthelfer für die Seele“, die dann ins Spiel kommen, wenn es wirklich brennt. Das mit dem Brennen kann durchaus wörtlich gemeint sein, auch wenn es sich bei dem Großeinsatz im Herbst 2008 um eine Übung gehandelt hat. Ein Zug hatte im Tunnel zwischen Aachen und Kelmis (Belgien)
„gebrannt“. Löschzüge aus beiden Ländern, Polizei, Rettungsdienst und Notärzte waren ausgerückt. Aus dem Tunnel taumelten die ersten „Geschockten“ und „Verletzten“. Verletztenlager wurden aufgebaut, der Abtransport ins Krankenhaus vorbereitet. Nachdem die „Verletzten“ medizinisch versorgt wurden, der
Platz aufgebaut war, kamen auch Pastoralreferent Dieter Griemens und Diakon Rolf Berard ins Spiel.

Alle Statisten, Unverletzte  wie Verletzte, hatten klare Rollen zugewiesen bekommen, die sie mit teils großem schauspielerischen Talent ausfüllen. Dieter Griemens, im Zivilberuf Referent beim Generalvikariat,
kümmert sich um einen Mann, der neben der Trage mit seiner schwerverletzten Frau liegt. „Die Sorge
um Angehörige ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“, sagt auch Rolf Berard, der gemeinsam mit Pfarrer Ertel die Notfallseelsorge leitet.

Im „richtigen Leben“ seien solche Großeinsätze die Ausnahme, betont der Diakon. Die Regel seien ganz gewöhnliche Notfälle, häufig Todesfälle, wie etwa Herzinfarkte oder Verkehrsunfälle, wo Notarzt, Feuerwehr oder Polizei die Seelsorger hinzubitten.

23 Menschen sind im Aachener Bereich als Notfallseelsorger tätig. 18 davon sind hauptamtliche
evangelische Pfarrer oder katholische Pastoralreferenten, Gemeindereferenten und Diakone. Fünf sind Ehrenamtliche, die beispielsweise bei der Telefonseelsorge eine gründliche Ausbildung erfahren und entsprechend seelsorglich weiterqualifiziert sind.

Notfallseelsorger unter dem Seelsorgegeheimnis

„Sie müssen genau wissen, was bei uns Basis ist“, betont Pfarrer Ertel. 109 mal mussten die Notfallseelsorger in der Städteregion Aachen im Jahr 2011 ausrücken. In 70 Fällen wurden sie zu einem Todesfall gerufen oder mussten eine Todesnachricht überbringen. In 19 Fällen war ein Suizid der Grund und zwei Mal ging es zu Angehörigen von Mordopfern. Die anderen Fälle sind Unfälle oder sonstige Dinge.

Alarmiert wird die Notfallseelsorge  immer über die Leitstelle der Polizei, der Feuerwehr oder der Rettungsdienste. Rolf Berard zeigt seinen „Pieper“, das gleiche Gerät, das etwa die freiwillige Feuerwehr
nutzt, um ihre Männer zum Einsatz zu rufen. Mit Blaulicht geht es dabei aber nicht los, denn es geht nicht
darum, innerhalb von Minuten am Einsatzort zu sein, es geht darum, Zeit für den Menschen vor Ort zu haben. „Wir haben mehr Zeit, zu kommen, bringen aber auch mehr Zeit mit“, sagt Rolf Berard. Diese Zeit
nutzt der Notfallseelsorger, mit dem umzugehen, was er vorfindet. Es gibt Menschen, die einfach nur in  der Ecke sitzen möchten, andere schreien und toben, wieder andere suchen das Gespräch oder das Gebet.

„Als Seelsorger haben wir die Freiheit, Gott ins Spiel zu bringen“, sagt Berard. Und hier kommen natürlich Fragen auf: „Wie kann Gott nur zulassen, dass mein Sohn unter das Auto geraten ist“, fragt eine  verzweifelte Mutter, die gerade von dem Verlust erfahren hat.

Dass Notfallseelsorger dem Seelsorgegeheimnis unterliegen versteht sich von selbst. 

Todesbenachrichtigungen an Angehörige überbringen Notfallseelsorger und Polizei gemeinsam. „Die Polizeiuniform ist wichtig, besonders nachts“, sagt Berard, schließlich öffnet niemand zu einer solchen Uhrzeit einem Fremden. Es sind auch immer erfahrene und besonders qualifizierte Beamte, die derart schwere Gänge tun. Und die sind dankbar, dass die Notfallseelsorge dabei ist. „Die Arbeit der  Notfallseelsorge ist nicht hoch genug einzuschätzen, sowohl für die Betroffenen, als auch für uns“, betont
Polizeisprecher Paul Kemen.

Dass ein solches Ereignis auch bei den Einsatzkräften nicht spurlos bleibt, versteht sich von selbst. Das gelte besonders für ehrenamtliche Einsatzkräfte, wie etwa freiwillige Feuerwehrleute, die der Pieper
oft mitten aus einer frohen Familiensituation reißt und die dann sehr schnell mit Leiden und Tod konfrontiert sind, sagt der Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Aachen, Erwin Lausberg. So arbeitet die Notfallseelsorge eng mit dem Einsatznachsorgeteam der Berufsfeuerwehr und dem Team zur psychosozialen Notfallversorgung in der Städteregion zusammen, wenn es gilt, die Erfahrungen der Einsatzkräfte zu verarbeiten. Schließlich sind alle Beteiligten an einem traumatisierenden Ereignis Menschen, und die brauchen Menschen, um zu verarbeiten.


Von Monika Herkens

Veröffentlicht am 06.02.2012

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